Sonntag, 24. März 2013

Zeugnisverteilung am Ende der Welt


Tag 30               Rio Grande - Ushuaia               212 km

Beim Frühstück spürt man die Aufregung. Das Schlussergebnis ist klar, aber selbst ein Zeugnis mit lauter Einsern kribbelt im Nacken, bevor man es in Händen hält. Ins Ziel ist es nur noch ein Hupfer. Etwas über 200 km, die Arbeit eines Vormittags.

Das Hotel Grande in Rio Grande. Unser vorletztes Quartier ächzte
eine Nacht lang im Sturm.
Der Sturm, der letzte Nacht das Hotel knarren ließ, ist abgeflaut. Blauer kann ein Himmel nicht sein. Gestern haben alle Teilnehmer vereinbart, dass wir zusammenwarten und gemeinsam ins Ziel fahren. Treffpunkt um 13 h an einer Tankstelle am Rand von Ushuaia.

So schaut Feuerland aus.
 
Heiße Anwärter auf den Sympathiepreis. Martin Egli mit seinem
Privatingenieur Jack Amies.
Ein letztes Mal zeigt uns Feuerland, welche Farben es in der Palette hat. Zuerst gelbe Ebenen, dann tiefblaue Seen und am Schluss ein Gebirge, mit allen Schattierungen des Herbsts. Und obwohl keiner der Berge höher als 2000 Meter ist, sehen wir sogar Schnee. Im Winter liegt hier genug, damit der ÖSV sein Sommertraining veranstaltet kann.
Einmal geht's noch: Die Gerade des Tages.

Ganze Waldstriche sind von dieser Flechte einbalsamiert worden. Schaut spannend aus, am Ende sind die Bäume jedoch tot.



Nochmals Nahrung für Auge und Gemüt.


Der Lago Fagnano ist ein über 100 km langer Süßwassersee umzingelt von Meer.


Das andere Ende des Fagnano-Sees. Kommt einem irgendwie bekannt vor.
Spät gestartet und noch eine Besichtigung von Ushuaia eingeschoben, kommen wir dennoch als erste in der YPF-Station an. Die anderen folgen bald. Die letzte Chance, unseren Whisky zu leeren. Wir hatten eindeutig zu wenige Probleme, sonst hätte die Flasche das Ziel nicht gesehen. Es wird geplappert und gekichert. Erleichterung und Entspannung in den Gesichtern. Umarmungen mit jedem, der gerade da steht.
Kurz vor Ushuaia einmal noch hoch in die Berge.

Was bitte ist in Lapataia, 24 km hinter dem Ende der Welt.
 
Das Skigebiet um den Cerro Castro lockt auch die ÖSV-Athleten in
unserem Sommer ans Ende der Welt.
Die Stimmung ist besser als der Rahmen. Ushuaia gewinnt keine Schönheitspreise. Aber das Ende der Welt, so vermarktet sich die Stadt geschickt seit Jahren, stellt man sich anders vor. 56.000 Menschen leben hier vor allem vom Tourismus. Genug Menschen meinen offenbar, sie müssen einmal m Leben am Ende der Welt gewesen sein. Dabei liegt Ushuaia weiter vom Südpol entfernt als Kopenhagen vom Nordpol.
So schaut das hier also aus.

Und so.

Scheint nicht als Spaß gemeint zu sein. Auf jeden Fall soll Ushuaia
nicht der Stützpunkt für die Schiffe der englischen Piraten herhalten.
Dabei ging der Streit mit Chile, wer sich die südlichste Stadt der Welt nennen darf, vor einigen Jahren verloren. Diese ist nun von allen anerkannt Puerto Williams. Ein 2300-Einwohner-Kaff auf der chilenischen Seite des Beagle-Kanals.
Verbrüderung auf der Tankstelle.

Flasche erst jetzt leer. Offenbar zu wenige Scherereien.
Wir fahren im Autokorso Richtung Hotel. Einen großen Empfang am Hauptplatz haben sich die Veranstalter gespart. Auch die letzte Ziellinie vor unserem Quartier mahnt von kargen Zeiten. Keine Rampe, kein Trara, ein schlichtes Transparent muss als Kulisse für hunderte Fotos herhalten. Bei jedem Golfturnieren gibt’s mehr Flitter.

Keine große Oper. Die Zielankunft nach fast 15.000 km wirkt sachlich.

Noch ein Hoteltipp. Das Las Caquenes liegt direkt am Beagle-Kanal und spart nicht mit Ausblick.
Nüchtern geht´s beim Galadiner weiter. Siegerehrung im Hinterzimmer. Ein paar haben wochenlang verstecke Sakkos hervor gekramt, die meisten sitzen im Hemd. Der Chef Simon Hope entschuldigt sich für alles, das nicht so funktioniert hat. Das dauert. Dann lobt er seine Mitarbeiter. Das Finish macht versöhnlich. Viel Applaus. Wer jetzt keine Standing Ovations bekommt, der hat in den letzten Wochen wirklich etwas falsch gemacht.
Galadinner im Hinterzimmer.

Frenetischer Applaus für fast jeden. Das Finale stimmt milde.
An unserem Tisch wird einmal mehr Deutsch gesprochen. Die Panzer-Division nennen uns die Briten liebevoll. Das hat vermutlich mehrere Ursachen, hauptsächlich dürfte es an der überlegenen Kraft unserer jungen Mercedes liegen. Und daran, dass wir nicht nur einmal im Konvoi das gesamt Feld überholt haben. Hätte noch gefehlt, dass wir dabei Blaulicht und Sirene einschalten. Aber wie gesagt, das Finale versöhnt, auch wir werden bejubelt.
Nicholas Pryor aus England holte den zweiten Platz in der Klasse C.
Offizielle Endergebnisse liegen nicht auf. Die Website der Veranstalter steckt am Tag 18. Dennoch keine offenen Fragen. Wir haben unsere Klasse souverän gewonnen. Insgesamt sind wir Dritte. Dafür bekommen wir einen eleganten Seifenhalter. Praktischerweise ohne Gravur. Wenn also jemand von Hans in nächster Zeit einen Seifenhalter als Geschenk bekommt, dann weiß er, dass dieses Stück mit viel Staub und Sprit bezahlt wurde.

Der Australier Hayden Burwell sicherte sich den zweiten Platz in de Gesamtwertung.
Und einen klaren Sieg in der Best-dressed-Kategorie.
Sieger sind Vater und Sohn Stevenson. Sie betreiben in der Nähe von Brisbane eine Farm für Fertigrasen. Und sie freuen sich aufrichtig. Rührend zu sehen, wie dieser knorrige Turm von einem Mann alle, die sich ihm in den Weg stellen, mit nassen Augen abschmust.

Die Sieger der Gesamtwertung: Max und James Stevenson. Im Hintergrund Rallye-Direktor Simon Hope.

Große Gefühle am Ende einer großen Reise.
Bei so viel Pathos vergisst man sofort, dass jeder zweite das Galadinner trotz knurrenden Magens nicht anrührt. Dieses Fiasko auf Tellern war von den Veranstaltern gewiss so geplant worden. Im Sinn der Teilnehmer. Kaum einer, der in sechs Wochen ohne schnellen Schritt und mit reichlich Bier und anderen Spaßmachern im Glas nicht ein paar Kilo mehr heimbringt.

Das ist der Schluss. Fünf Wochen Rallye und fast 15.000 km liegen hinter uns. Jeder hat einen kleinen Teil der Welt und sich selbst besser kennen gelernt. Die faszinierenden Eindrücke kommen in das Regal mit den Erinnerungen. Wenn mir irgendwann fad ist, dann kann ich sie ja mit diesem Blog wieder abstauben.
Danke fürs Posten. Danke fürs Daumendrücken. Danke fürs Mitfiebern.

Danke.  

Frieren in Feuerland



Tag 29               Rio Gallegos - Rio Grande               376 km


Wo bin ich? Was mache ich hier? Die ersten Sekunden mit offenen Augen bringen keine Antwort. Gestern viel für die Völkerverständigung getan. Heute wird ein leiser und stumpfer Tag. Die Marshalls tragen dazu bei. Die letzte Sonderprüfung wurde abgesagt. Jetzt heißt es, nur noch ins Ziel zu rollen.

Vor unserer Windschutzscheibe zieht das Bekannte vorbei. Trockene flache Unendlichkeit. Die Höhepunkte werden heute die Überquerung der Magellan-Straße, das Betreten von Feuerland, die Ein- und Ausreise aus Chile und ein Patschen an ebendieser Grenze sein. Das Bisschen, das darüber zu erzählen ist, passt auch in Bildtexte. Bis morgen.

Damit auch das erledigt ist. Die Gerade für heute gleich zu Beginn. Die Kurve am Schluss habe ich nicht mehr wach erlebt.

Vor dem Bau des Panama-Kanals war die Magellan-Straße die gängige
Schiffsroute zwischen Pazifik und Atlantik. Das brachte Wohlstand ans Ende der Welt.
Dieser ging wieder als die Amerikaner ihren Kontinent in der Mitte durchbohrten.

Am Sprung nach Feuerland. Es gibt keinen Namen, der weniger zu dieser Insel passt.

Beim Verhandeln dieser Grenzlinie muss
Alkohol im Spiel gewesen sein.
 
Kein Tag ohne Kurze. Am Schluss werden alle zusammenlegen
und Chefmechaniker Toby Kilmer eine Lange schenken.

Eine Stunde warten auf die Fähre. Heute einer der Highlights.

Trüber Blick. Muss an der Kamera liegen.


Trockene flache Unendlichkeit.

Nicht mehr tanken bis ins Ziel.
 

Samstag, 23. März 2013

Schlemmen wie Gott in England


Tag 28               El Calafate - Rio Gallegos               384 km
 
Wieder mit einer trägen Internetverbindung 45 Minuten verplempert. Seit Rio summiert sich das auf wertlose Tage vor einen kreisenden Pfeil. El Calafate verabschiedet uns mit Wolken. Heute die vorletzte Sonderprüfung. Glühen auf Schotter. Sechzig Kilometer mit 82 Schnitt. Nach zwei Stunden Anreise reihen wir uns vor dem Start ein.
Wir freuen uns schon so richtig auf die nächste scharfe Kurve.
Neben uns zufällig ein Straßenschild der legendären Ruta 40, la Ruta del Condor. Kurz nach Salta haben wir sie zum ersten Mal befahren. Das ist viertausend Kilometer her. In allen Shops verkaufen sie T-Shirts, Kaffeehäferln, Kräuterschnaps mit dem Logo dieser Straße. Aber keine echte Straßenschilder.
Der Dreizehnerschlüssel ist schnell ausgepackt. Sechs Schrauben, die beiden obersten vorsorglich abgebogen. Mit einer Eisensäge kein Problem. Bei vorbeifahrenden Autos unterbrechen wir kurz. Aus Anstand. Nur noch zwei Schrauben, da taucht am Horizont ein Gelblicht auf. Der Straßenmeister. Hat er nur Glück, oder wurde ihm etwas gesteckt? Klassisches in flagranti. Wir lächeln, posieren für ein Foto, stellen uns dumm. Mit Erfolg. Der Wächter riecht den Braten, aber es ist ihm zu blöd, das Thema mit zwei Gringos hier zu verhandeln. Außerdem haben wir einen dringenden Termin. Die Sonderprüfung.
Diebstahl auf offener Straße mit laufendem Motor.
 
In flagranti. Nach vier Schrauben kam plötzlich der Straßenmeister.
Der Adrenalinschub lässt uns zwölf Minuten vor der Sollzeit in Ziel fahren. Herr Direktor fährt verwundet, aber ohne zu Mucken. Keine tausend Kilometer noch bis Ushuaia. Das schieben wir zur Not.
Alle fünfzig Kilometer ein Pfeifmichnix. Gegen
Wind und Schotter bis die Wadeln brennen.
 
Die Gerade des Tages, diesmal en nature.

Jetzt endlich Zeit, das offizielle Schreiben zu lesen, dass uns der Starter überreicht hat. Ein Dokument britischer Verwaltungskunst. Weil beide Seiten es unterlassen haben, ihre Argumente ausreichend darzulegen, sieht sich die Jury außer Stand eine Entscheidung zu treffen. Die Etappe von vor zehn Tagen gilt folglich in vollem Umfang. Dass die Herren vorher bereits ganz formal für die Neutralisierung entschieden haben, geht völlig unter. Wir beschließen, keine weitere Milch verschütten. Kein weiterer Einspruch gegen den Einspruch gegen den Einspruch. Wir fallen um einen Tagessieg um und in der Gesamtwertung hinter den Porsche zurück. In der Klasse bleiben wir vorn.
Das Urteil der Rennleitung Teil 1. Dem Einspruch gegen
den Einspruch wird stattgegeben.
 
Das Urteil der Rennleitung Teil 2. Bringt einen Punkt, kosten einen Rang.
 
Und wir dachten die Radfahrer sind komplett verrückt.
 
Auffahrunfälle sind in Patagonien selten. Wenn´s mal kracht, dann eher Überschläge wegen Sekundenschlaf.
 
Mondrian was here.
 
Wegen Platzangst musste hier noch keiner zum Arzt.
Los Gallegos ist eine Hafenstadt am Atlantik. Rund sechzig Tausend Leute trotzen hier der Witterung. Der Nachmittag ist frei. Flanieren, lesen, schreiben, ein Bier. Martin hat ums Eck das perfekte Lokal für unser Dinner ausgemacht. Am Schild steht nur British Restaurant. Eine Drohung. Um acht sind wir die einzigen Gäste. Kein Wunder in einem britischen Restaurant.
Der Times Square von Rio Gallegos.
 
Bei uns werden solche Schilder neben
Faschingsmasken verkauft.
Natürlich täuscht die Optik. Innen erinnert der Platz an ein Ristorante Italiano, die Ober sind bemüht, die Küche liefert Delikates. Der extravagante Name täuscht. Das Wirtshaus gehört zum angrenzenden britischen Club der Stadt. Seit Jahren ist es auch Non-Members zugänglich. Um elf ist die Bude knallvoll. Zu Recht. Großer Abend, Andi und Robert in Bestform.
Um 20 h hatten wir leichte Zweifel. Drei Stunden später war der Laden voll.
 
Der britische Club von Rio Gallegos. Vor mehr als hundert
Jahre von Engländern gegen das Heimweh gegründet.
Wegen großer Sympathie werden wir nach der Rechnung noch in die Bar des sehr privaten Clubs eingeladen. Sechs Herren im fortgeschrittenen Alter. Nach zehn Minuten stehen alle bei uns an der Theke. Verbrüderung. Noch eine Runde. Hans sperrt das Klavier auf. Wieder weinen alle vor Freude. Um vier ist Schluss. Eine Runde muss unbedingt noch sein. Licht aus.
Hans mit Fan. Frauen haben keinen Zutritt.

Nach zehn Minuten zu Ehrenmitgliedern auf Zeit ernannt.
Sogar Liz Wenman durfte mit uns trinken