Tag 6 Corumba - Santa Cruz 670 km
Heute überfahren wir eine Grenze. Das heißt rasieren. Wieder
eine Transportetappe. Die Sonderprüfung ist heute, die Autos möglichst rasch
durch den Zoll nach Bolivien zu schleusen. So etwas kann lang dauern. An der
mongolisch-russischen Grenze haben wir einmal neun Stunden gewartet.
| Gilt als die heikelste Grenze der Rallye. Aber immer noch lässiger als jene zwischen Russland und der Mongolei. |
Wir starten um 7.30, zehn Minuten später sind wir an de Grenzstation.
Um 10.30 stehen wir noch in Brasilien, als Carlos vorbei schaut. Er kommt aus
Peru und stellt sich als „Missionario Mundial“ vor. Ein weltweit zuständiger
Missionar. Das kann er mit einem hübschen Ausweis und Fotos seiner Auftritte
belegen. Wir spenden und lehnen das Angebot zum gemeinsamen Gebet am Parkplatz höflich
ab.
| Carlos, Missionario mundial, im Dienst. Das gemeinsame Gebet am Parkplatz haben wir höflich abgelehnt. |
| Als wär´s nicht schon heiß genug. John Brigden und Hernan stellen sich nach drei Stunden Warten den ausgewogenen Fragen der Teilnehmer. |
| Dem Herrn Direktor ging´s derweilen ganz passabel. Er teilt sich eine feines Plätzchen mit Ortskundigen. |
Die Spende an Carlos wirkt. Wenige Minuten später dürfen wir zur bolivianischen Seite weiterrollen. Menschenscharen warten beiderseits des Balkens in der prallen Mittagssonne.
| Monotonie an einer brasilianischen Busstation. Nach drei Stunden am Parkplatz waren Antonio, Robert und Dani (v.l.) schon so weich, dass sie auch den nächsten Bus genommen hätten. |
| Dann endlich. Bolivien begrüßet uns noch am Vormittag. |
Wir dachten der Übertritt sei von den Veranstaltern bestens
vorbereitet. Es ist kurz vor 12 h. Vor zwei Stunden hat es in Brasilien schon
Diskussionen mit den Marshalls gegeben, jetzt fallen grobe Worte. Erst recht
als das Gerücht aufkommt, dass die Grenzer um 12 Mittagspause machen. Für zwei
Stunden. Niemand will so einen Unsinn glauben, bis die Tür ins Schloss fällt.
| Wer mal richtig Kohle mache will, sollte sich einen Laden an Grenzstation in Porto Suarez überlegen. Das Durchgeschäft läuft mau, aber die Toiletten, eine Goldgrube. |
| Da braucht man kein Thermometer mehr. |
Halsschlagadern weiten sich. Hemden werden noch feuchter.
Humor der Verzweiflung kommt auf. Pohl/Peil bekleben ihren Wagen mit I am Wilhelm. Für mich ist und bleibt er
Dschingis. Biere werden verteilt, trotz Nullkommanull.
| Von links drängen die Routiniers ..... |
| .... von rechts die Gringos. |
| Sickerwitz .... |
| .... oder Gehörschaden. |
Um Punkt zwei geht die Show weiter. Jetzt geht alles ganz
schnell. Eine Kopie hier, ein Eid dort, fünf Stempel in die Papiere. Um 16 h
sind wir fertig. Nur achteinhalb Stunden. Wir sind Ärgeres gewohnt. Andi, Dani,
Jörg und wir fahren im Konvoi. Vier Mercedes für ein Halleluja. Herr Pappas
würde bei diesem Anblick feuchte Augen bekommen.
| Einsamkeit auf der Landstraße. In zwei Stunden weniger als zwölf Autos auf der Gegenfahrbahn. |
Nur noch 650 Kilometer. Der Wunsch auf eine Autobahn bleibt unerfüllt. Aber wir bekommen etwas fast so Gutes. Glatter Asphalt Hunderte Kilometer durch unberührte Natur. Und kein Gegenverkehr. Auf den ersten 200 km kommen uns hochgegriffen ein Dutzend Autos entgegen.
Laut Roadbook soll die erste Tankstelle nach 100 km auftauchen.
Das Roadbook lügt. Nächster Eintrag bei 210 km. Wir sind zwar noch halb voll,
aber was man hat, hat man. Wir biegen in die Nebenspur ein. Scheinbar die
nächste Lüge. Wir sehen eine Art Bauernhof, aber keine Zapfsäulen. Unsere drei
Partner drehen ab auf die Hauptstraße. Wir wollen es genau wissen und rollen
näher ran. Eine große Scheune, ein paar Zelte, Menschen. Wir durchfahren das
Gattertor, fragen und bekommen einen negativen Bescheid. Alles nur keine
Tankstelle. Aber gleich in 130 km gebe es eine in San José. Wir schleichen
durch die Ausfahrt auf die Landstraße. Plötzlich steht er vor uns: der
Landpolizist. Mit seinem hageren Moped versperrt er uns den Weg.
Seinen bolivianischen Tieflandakzent können wir problemlos
deuten. Wie hätten wir Gangster nur ein derart schweres Vergehen begehen
können. Das sei ihm in zwanzig Jahren Dienst noch nie passiert. Hans ??, ich
????. Wir seien in diesem Bauernhof gegen die Einbahn gefahren, vorsätzlich. An
fast jedem anderen Ort der Welt hätte wir jetzt gelacht, aber hier? Man weiß
nicht. Wir geben uns einsichtig und sind bereit, uns jeder Strafe zu
unterwerfen, gleich hier, ohne Wenn und Aber, Hauptsache sie trifft uns sofort und
liegt unter 30 Dollar.
Aber da kannten wir die Gendarmerie in Bolivien schlecht. So
einfach macht das unser Sheriff nicht. Wir müssen mit ihm auf die
Polizeistation kommen. Basta. Hans ahnt Böses und murmelt etwas von voll in der
Scheiße oder so. Ein zweiter jüngerer Bulle taucht auf. Auch auf einem Motorrad.
Beide eskortieren unseren Direktor mit ihren Spielzeugmopeds über den staubigen
Feldweg vorbei an weidenden Schweinen tiefer ins Hinterland. Schauergeschichten
über verschleppte, vergewaltigte, verschwundene Touristen schießen ins Hirn.
Wir sollen anhalten. Weit und breit keine Polizeistation. Und auch keine
Menschen. Der Jüngere hält uns einen Vortrag auf Spanisch. Was wir doch für
Vollkoffer sein müssen, auf so einer befahrenen Straße gegen die Einbahn zu
fahren, wie massiv wir dadurch die Staatssicherheit gefährdet hätten, und was
er jetzt mit uns Knallköpfen tun soll. Cuanto? 30 Dollar! Zwei Minuten später fahren
wir Richtung Asphaltstraße, eskortiert von zwei Polizeibeamte, damit uns an
diesem düsteren Ort ja nichts passiert.
Kaum Asphalt unterm Gummi, geben wir Vollstoff. Nochmals
davon gekommen. Jetzt ein geräumiger Schluck Isle of Jura. Es ist finster
geworden. Bald leuchtet im Kopf das Tankthema wieder auf. Die 130 km sollten wir schaffen. Pedal am Nagel. 140 auf der Geraden, ein LKW blendet uns, da
steht plötzlich eine schwarze Kuh, Hans meint später es war ein Esel, vor uns.
Verriss. Das Heck schwanzelt. Wir treffen das Viech nicht. Aber ich glaube, ich
habe ihm mit dem Seitenspiegel ein Ohr abgefahren.
| Partystimmung an der Tankstelle in San José. Vorne links die deutschstämmigen Quäker mit Stetson. |
Warum einfach? Dieser Tankwart hat binnen einer Stunden kommentarlos
mindestens Hundert Kanister gefüllt.
|
In San José treffen wir alle wieder. Die gute Nachricht: Es
gibt eine Tankstelle. Die schlechte: Sie verkaufen an Ausländer keinen Sprit. Bolivianischer
Humor. Das heißt, sie bedienen uns nicht direkt an der Zapfsäule. Von der
Regierung erlaubt ist jedoch, dass wir Kanister anfüllen, diese dann 15 Meter
zum Auto tragen (oder vom Tankwart tragen lassen) und dann händisch einfüllen.
Nach sechs Füllungen sind wir voll und kennen die halbe Tankstelle. Auch die
Quäker, die wie Geister aus einem Bus gestiegen sind. Durch die Bank
Armani-Models, offenbar alles Brüder oder Cousins, klar sichtbar jeder mit
jedem verwandt. Alle blond, alle über einsachtzig, aller super trainiert, alle
in Latzjeans wie Uniformen. Die Mädels deutlich biederer. Sie stammen aus einem
deutschen Dorf, 70 Kilometer von hier, und sprechen eine Art Deutsch. Der
Holländer versteht sie besser als wir.
Wir verlassen die Party mit vollen Tanks, duften lecker nach
Benzin und brettern Richtung Santa Cruz. Noch 300 km. Bei normalem Verkehr
sollten wir um 22.30 Uhr an der Bar lehnen. 60 km vor dem Ziel riechen wir
plötzlich Benzin, und das heißt was nach diesem Tankparty. Vollbremsung. Notstopp halb auf der
Straße. Jörg und Dani halten und beraten mit uns. Das Blaulicht am Dach hält
uns die LKWs vom Leib. Bald ist klar, dass eine Reparatur ohne Licht, ohne richtiges
Werkzeug und ohne einen Fachmann mehr
schadet als hilft. Jörg nimmt uns ans Seil.
| Das Band der Freundschaft ist zwar fünf Mal gerissen, brachte uns letztlich aber doch ins Ziel |
Das klappt wunderbar, bis wir eine
Polizeikontrolle erreichen. Rechts ran, Papiere zeigen, Deppensteuer zahlen.
Wir wollen im Schlepptau wieder anfahren. Die Lenkradsperre klemmt. Beim
Rettungsversuch bricht der Schlüssel im Schloss ab. Rien ne va plus. Gleich
öffnet sich die Erde unter uns.
Die Polizisten, die uns vorher noch einen unverschämten Betrag ohne
Grund und Beleg abgeknöpft haben, sollen uns nun helfen, einen Abschleppwagen
aufzutreiben. Am Freitag um 23.45. Sie haben ein weiches Herz. Einer der Cops
hat einen Bekannten mit Transporter. Antonio, Jörgs portugiesischer Beifahrer,
wird mit ihm mitfahren und ihn herlotsen.
Unterdessen schaffte es Jörg jedoch, den Schlüsselstumpf aus
dem Schloss zu kitzeln. Wo er das gelernt hat, ist uns in diesen Moment egal. Kommando
retour. Wieder ans Tau. Antonio anrufen. Truck abbestellen. Eine halbe Stunde
später hängen wir wieder am Seil und schaffen es diesmal tatsächlich in einem Durchgang
ins Hotel. Check-in um 1.30. Dieser Tag war noch interessanter als damals in
der Mongolei.
Keiner will jetzt schlafen, gleich an die Bar, als gäbe es
einen Sieg zu feiern. Morgen ist um 7.30 h Start, aber morgen ist morgen. Der
Durst bringt uns konkrete Vorteile. Weil an diesem Tag mehrere Autos gestrandet
sind, kommen zur späten Stunde nicht nur die Opfer, sondern auch deren Retter
ins Hotel. Und so vereinbaren wir um 3.45 eine Visite mit Chefmechaniker Toby
Kilmer für 7 h.
Als Betthupferl gibt man uns noch mit, dass morgen später gestartet wird, weil ein Drittel des Feldes mit Problemen kämpft. Neuer Plan: Rebriefing um 8.30. Dann wird entschieden, wie morgen genau gefahren wird. Prost & Gute Nacht.
| Adrenalin mit Gin Tonic. Eine aufmunternde Melange um 3.30. |
| Zum Glück haben sie die Tonic-Dosen zwischendurch immer abserviert. Eine ernsthafte Sekunde mit Hans, Dani und Antonie. |
Als Betthupferl gibt man uns noch mit, dass morgen später gestartet wird, weil ein Drittel des Feldes mit Problemen kämpft. Neuer Plan: Rebriefing um 8.30. Dann wird entschieden, wie morgen genau gefahren wird. Prost & Gute Nacht.