Freitag, 15. März 2013

Ein Tag wie ein Firn-Bonbon

Tag 19               Villa Union - Mendoza               634 km

Letzte Nacht mit dem Eisbären geschlafen. Die Klimaanlage funktionierte zu gut. Nur ein Leintuch. Es konnte dem elektrischen Winter nicht trotzen. Erst gegen acht bin ich wieder auf Betriebstemperatur. Heute eine der langen Etappen. Dafür am Schluss die Belohnung: Mendoza, die Weinhauptstadt Argentiniens. Ein Tag wie ein Firn-Bonbon.
Heute ist Ebbe. Zur Schneeschmelze fährt hier selbst ein Defender nicht weit.
Schnell weg aus Villa. Hier im Westen ist es noch finster, als wir um sieben wegfahren. Es geht entlang der Berge. Wieder endlos lange Geraden. Leben bringen die Entwässerungsrinnen, die alle paar Hundert Meter die Monotonie brechen. Hier müssen Unmengen von Wasser abfließen, wenn´s mal regnet oder taut. Ein Auf und Ab für zwei Stunden. Heute ist Großkampftag. Gleich zwei Sonderprüfungen. Bis zur ersten dauert es 340 km und eine Einkehr für 90 Minuten. Einige pfeifen auf die Sonderprüfung und rasen auf gutem Asphalt ins Hotel. Die Harten gönnen sich ein zweites Frühstück.
Unser Quartier für neunzig Minuten.
 
Marc Buhofer, amüsanter Schweizer, im Kreuzverhör.
Andi gehört zu den Harten, kommt aber dennoch mit weiten Augen von der Toilette zurück. Nicht das, was alle denken. Das Klo ist okay. Aber die Begegnung mit unserem holländischen Mitfahrer irritiert ihn noch immer. Gerade wollte er sich die Hände waschen, da nahm vor ihm der Kollege sein Gebiss aus dem Mund und spült es gewissenhaft im Wachbecken. Auf argentinischen Klos muss man offensichtlich mit allem rechnen.
Mitunter fühlt man sich hier richtig klein.

Zeitzeuge auf Rädern. Die vielen 504er fahren hier nicht von ungefähr.
Peugeot betreibt seit Jahrzehnten ein Montagwerk in Buenos Aires.

Herr Direktor studiert das Feld vor dem Start zur ersten Sonderprüfung.
 Die Eckdaten des Tests lesen sich gut: 51 km in die Berge hinein. Klingt fordernd. Die Realität hält das nicht. Nach 40 km benützen wir zum einzigen Mal die Bremsen und passieren dennoch neun Minuten vor der Sollzeit das Ziel. Das kann niemand nicht schaffen.

Die erste Sonderprüfung. Vierzig Kilometer, ohne einmal zu bremsen.
Die Landschaft entschädigt. Neben der Strecke bewachen uns schneebedeckte Gipfel. Sie müssen in diesen Breiten höher als 5.500 Meter sein. Davor mal Steppe, mal Weingärten, dann Dünen. Die Natur schöpft hier aus dem vollen Repertoire.


Oft Wüste. Manchmal Dünen. Hier ausnahmsweise fette Wiesen.

Ich weiß, aber was soll ich tun bei dieser Landschaft.
 Der zweite Test wird gewiss spannender. Er ist kurz, dafür auf Schotter. Vier km mit 80 km/h Schnitt. Als wir am Start eintreffen, folgt erneut die Ernüchterung. Eine einzige Gerade entlang der Straße. Ein staubiges Dragster-Race. Tatsächlich schaffen wieder alle, auf die wir schauen, die Vorgabe. Ein Tag für die Würste. Wäre da nicht diese Landschaft.

Warten, wo man warten so richtig spürt.

 Noch zweihundert Kilometer ins Hotel. Die ersten sechzig davon auf einer breiten Schotterstraße. Hans spricht wenig, aber ich merke wie er Spaß hat. Dann der Schock. Genau im Schnittpunt von Staub und Nowhere fällt der Direktor ohne Vorwarnung ins Koma und rollt aus. Großes Fragezeichen. Motorhaube auf und alles mal drücken, reinigen, ab- und anstecken. Alle Autos, die wir vorher beim Überholen mit Feinstaub getauft haben, holpern jetzt wieder an uns vorbei. Höflich fragend zwar, aber vorbei. Nach 15 Minuten Fluchen ein weiterer Startversuch. Wroaaam! Herr Direktor lebt wieder. Offenbar kam irgendwie Luft in die Benzinleitung. Auf jeden Fall fliegen wir wieder. Und taufen alle zum zweiten Mal.
Auf einmal war´s aus. Herr Direktor im Koma.

Und dann tauften wir alle noch ein zweites Mal.
Die Einfahrt nach Mendoza hält, was wir uns gegenseitig versprochen haben. Weingärten, wohin man blickt. Dazwischen durchwegs modern designte Weingüter. Ein Napa-Valley südlich des Äquators. Check-in im Intercontinental. Ein neuer Hotelturm neben einem Shoppingcenter. Der Blick von 15. Stock entschädigt für den müden Tag.
Wein scheint auch hier ein feines Geschäft zu sein. Ganz ohne EU-Förderung.
Eine Art Napa-Valley südlich des Äquators
 
Beim Design sind Mendozas Winzer gar nicht fad.
Rabia Schlatter hat gründlich recherchiert. Das 1884 in Mendoza ist das beste Restaurant Argentiniens. Zumindest eines der besten. Auf jeden Fall hatte es mal ein paar Sterne. Angeblich. Wir reiten spät im 1884 ein. Der Rahmen verspricht Gutes. Offenbar ein altes Kloster. Idyllischer Innenhof mit meterhohen Bougainvilleas. Der Service hängt nach. Die Sommeliere empfiehlt nur das Teuerste. Das Steak passt, wäre es nicht auf einem Boden knuspriger Kartoffelchips. All in all nothing to write home about. Francis Mallmann, der Chef, hat heute offenbar seinen freien Tag.
Der Blick vom Zimmer im 15. Stock des Interconti.

Weiterhin Klassenbeste. Zwei Punkte vor Steve Hyde und nur einen Punkt in der Gesamtwertung hinten.
 

1 Kommentar:

  1. Kaum hat Argentinien einen Papst kommt auch schon der Heilige Geist vorbei. Allerdings nicht geflogen sondern gefahren. Als Paradekatholiken dürfte ja dem Waldviertler und dem Burgenlandler die Religion in die Hände spucken, wenn der Direktor wie von Geist-er Hand wieder anspringt.
    Und nochmal bemühen wir den Hilferuf nach oben.

    ---Herr, beschenke die anderen reichlich mit Punkten.---

    Gottseidank ist der Blog nicht so staubtrocken wie der Schotter der Sonderprüfung. Auf dass es weitere Bilder regne und das Gesamtergebnis noch eine kleine Inversion an der Spitze erfährt.

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