Samstag, 2. März 2013

Montezumas Rache


Tag 9               Uyuni - La Paz               749 km


Die Nacht war wild, aber nicht lustig. Bei mir trifft Höhenkrankheit auf Magenverstimmung. Alles tut weh, vor allem der Kopf. Mehr am Klo als im Bett. Endlich Morgen. Das Nachtgewitter hat Spuren in unserem Programm hinterlassen. Die geplante Strecke ist an mehreren Stellen durch Hangrutsche unpassierbar geworden. Die Etappe wurde deshalb abgesagt. Wieder ein reiner Transporttag. Als bester Weg wurde uns die Rückfahrt nach Potosi und dann hoch nach La Paz empfohlen. Durchwegs auf guten Straßen, dafür 750 km lang. Da werden die 20er- und 30er-Modell wieder leiden.

Sorry, aber heute gibt es viel Landschaft zu sehen. Weil die Anden einfach so unfassbar beeindruckend sind.

Ein perfektes Asphaltband schneidet auf 4000 Metern kleine Ecken in die grasbewachsenen Riesen. 
Vorher muss noch das Spritproblem gelöst werden. Die Marshalls stehen tatsächlich um 6.30 mit mehreren großen Kanistern vor dem Hotel und verabreichen kleine Kontingente an die Bedürftigen, also an alle. Wir ergattern 30 Liter, damit kommen wir bequem nach Potosi. Dort wird sicher ein Zapfhahn auf uns warten.

Wohnen, wo die Luft dünn ist. Trotz der gewaltigen Ausblicke kein einziges Panoramafenster.
Wieder diese wundervolle Straße von gestern. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir Potosi. Die erste Tankstelle zu, die zweite verkauft uns keinen Sprit, die dritte zuerst auch nicht. Dann winkt Andi mit einem Bündel Bolivianos. Jetzt geht’s. Zwar zum fast Dreifachen des Normalpreises, aber selbst das ergibt nur 1,06 Euro. Wir füllen ein, was geht.

Nichts Religiöses. Die Straßenmeister läuten auf diese Weise die scharfen Kurven ein.

Gleich haben wir das Viech im Fadenkreuz.
Jetzt schnell nach La Paz. Dort sitzt die bolivianische Regierung. Hauptstadt ist La Paz jedoch nicht, das ist Sucre. Im Konvoi erobern wir einen Pass nach dem anderen und tauchen in atemberaubende Täler hinunter. Wieder stellen wir einen neuen persönlichen Höhenrekord auf: 4.324 Meter, ohne zu wissen, wo wir da genau sind.

Sonst könnte das ja jeder erzählen

Man erahnt, wie viel Gaudi der Direktor auf solchen Geraden hat und wie wichtig es ist, die erste Kurve
da unten auf den Punkt zu erwischen.

Sheer Driving Pleasure.
Mein Kopf steckt heute in einer Bleiglocke. Das Reden schmerzt. Am besten ein paar Hundert Kilometer darauf verzichten. Genauso machen wir es. Ein leiser Tag im Herrn Direktor.

Entlang der Strecke große und kleine Herden von Alpacas und Lamas. Und immer wieder bunte, kugelrunde Andinofrauen. Sie sitzen am Straßenrand und scheinen auf etwas zu warten: den Bus, einen Mann, ein besseres Leben. Die Andinos lachen selten. Es gibt hier oberhalb von 4000 Metern auch nicht viel zu lachen.
Hans fragt sich, ob das wirklich der ideale Sport für die Bolivianer ist.
 
Der origineller Wirt hat gleich neben dem Eingang eine Ente aus dem Jahr 1948 platziert. Aber
nachdem wir die Toiletten gesehen haben, wollten wir nicht mehr wissen, was die Küche kann.
 
Tanken in Bolivien ist fast ein Notariatsakt. Fünf Minuten Vorverhandlung, dann
drei Belege von Hand schreiben. Manchmal müssen wir auch den Pass vorlegen.
Wir nähern uns La Paz von oben, und es wird eng. Auf 4.100 Metern, in El Alto, holpern wir im Schritttempo an einem nicht enden wollenden Markt vorbei. Massen von Menschen wirbeln herum, tänzeln zwischen den immer gleichen Kleintransportern von Hyundai, Nissan oder Toyota über die Fahrbahn. Man erkennt unschwer, dass ein Leben hier oben Stress bedeutet. Stress, jeden Tag das Nötigste irgendwie zu ergattern. El Alto ist ein harter, grauer Ort.  
Der Markt in El Alto ist was für die ganze Familie.

Klavier ist es keines, aber einen Mikrowellenherd könnte sie schon darin verpackt haben.

Herr Direktor badet in einem weißen Hyundai-Nissan-Toyota-Meer.
Dann endet der Wirbel, und es öffnet sich für uns der Blick hinunter auf die Stadt. Einfach imposant. Auf der Stadtautobahn stürzen wir in Minuten von 4.100 auf 3.500 Meter Seehöhe. Dort liegt unser Hotel, das Radisson. Und dort sitzt auch schon Jörg, den wir zuletzt in Santa Cruz hinter einem Gin Tonic gesehen haben. Er kam aus Sucre mit dem Flugzeug, sein Auto sollte morgen auf dem Transporter folgen.
La Paz ist die ideale Stadt, um die Panoramafunktion meiner neuen Kamera zum ersten Mal auszuprobieren.

Ein Höhenunterschied von mehr als 600 Metern innerhalb einer Stadt.
Auf dieser Autobahn überwindet man ihn am schnellsten.
Ich hüte heute Abend das Bett. Es sind eh alle erschöpft, wegen der Höhe, der langen Tage, wegen kleiner Wehwehs. Später treffe ich noch den Arzt, Dr. Chris. Ja genau den, dessen Vortrag zur Höhenkrankheit wir halb geschwänzt haben. Er schenkt mir ein paar Pillen (Diamox) und verordnet mir zwei Sauerstoffeinheiten.
Hans wiehert als der Mann vom Roomservice eine Sauerstoffflasche auf Rädern ins Zimmer rollt (Hotels in La Paz bieten so etwas als Standardservice an). Zwanzig Minuten saugen vor dem Schlafen, und nochmals zwanzig in der Nacht. Na, die kann ja wieder ganz spannend werden.

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