Mittwoch, 20. März 2013

Motor frisst Kühler


Tag 25               Esquel  - Los Antiguos               588 km

Steve Hyde wurde tatsächlich aus der Wertung genommen. Es geht das Gerücht, er sei schon nach Haus gefahren und pfeife auf die letzte Woche in Patagonien. Aber so schnell kommt man aus Esquel nicht weg. Ein Gerücht eben.

Zum Einstimmen gleich mal eine gerade Straße. Bitte!
In unserer Gruppe liegen wir jetzt weit, weit vor den Zweiten. Diese sind jetzt ironischerweise Andi und Robert, die noch keine unruhige Nacht wegen einer Sonderprüfung gehabt haben. Und Dani Schlatter, dem bisher sowieso alles, was mit Zeitmessung zu tun hatte, egal war, ist Dritter. Mercedes rules. Dani meinte in einem unvorsichtigen Moment sogar, dass er das Ganze noch gewinnen werde, wenn es mit den Ausfällen so weiter geht. Wirklich lustig.

Und gleich noch eine.
In der Gesamtwertung sind wir jetzt Dritte gemeinsam mit dem Porsche von Steve Harris. Dieser fährt ganz allein in seiner Klasse und folglich auf einen Punkt abonniert. Das gleiche gilt für Frank und Ross im Holden. Als einziger in der Gruppe kriegt man nur schwer mehr als einen Punkt. Das Punktesystem hat seine Schwächen. Vor allem dann, wenn weniger als 200 Teams antreten.

Aus Esquel ist man in zwei Minuten draußen. Danach breitet sich wieder Patagonien vor uns aus. Boxenstopp nach 160 m an einer YPF. Herr Direktor ist noch voll von gestern, wir nehmen einen Kaffee. Sonntagmorgen. Alles easy.
Der Renault 12, ein Unauto meiner Kindheit, gewinnt mit den Jahren.  
 Aus Routine öffnen wir vor dem Weiterfahren die Motorhaube. Die Hupe fällt uns entgegen. Die Mutter der Halterung hat sich gelöst. Nichts Schlimmes möchten wir gerne denken. Da eröffnet sich uns völlig unvorbereitet das komplette Drama. Es beginnt damit, dass der Kühler eigenartig schief steht. Überhaupt pickt er ganz vorne am Blech der Karosserie, so dass der Kühlerdeckel nicht mehr abzunehmen ist. Trotzdem streift der Ventilator leicht an der Kühlerrückwand und hat dort schon ein paar Lamellen angefräst. Und jetzt berührt er auch einen Schlauch, der darüber führt.
Alles nur Symptome, die Ursache selbst schockt uns im ersten Moment. Der Motorblock ist lose. Seine Halterung ist links gebrochen. Das ganze Paket hat sich einige Zentimeter nach vorne bewegt und den Kühler aus der Verankerung gedrückt. Das erklärt auch, warum die Tachonadel seit gestern wie verrückt herum tanzt. Keine Ahnung wo und wann das passiert ist. Keine Ahnung wie wir damit fahren konnten, ohne irgendetwas zu merken.
Der erste Schock. Die erste Diagnose. Für Toby und Andy eine Aufwärmübung.

Macht optisch wenig her, ist aber richtig grob. Unsere gebrochene Motorhalterung.
Das Malheur hätte uns an keinem besseren Ort heimsuchen können. Erstens ist eine Tankstelle immer gut für Reparaturen. Zweitens steht neben uns zufällig das große Serviceauto mit Chefmechaniker Toby Kilmer und Andy Gray an Bord. Für uns der Super-GAU, für sie eine Aufwärmübung. Zuerst wird der Motor von Hand nach hinten gezogen. Ein breites Nylonband mit Ratsche fixiert ihn dann an der Halbachse. Der Kühler wird neu eingerichtet und mit zwei Kabelbindern fixiert. Nach zehn Minuten schicken sie uns wieder auf die Reise. Die 110%-Nummer sollten wir besser nicht mehr machen, aber schleichen müssen wir deswegen auch nicht. Auf jeden Fall werden wir auch mit dem Provisorium sicher ins Ziel kommen.

Ritsch ratsch. Ein Kabelbinder fixiert den Kühler.

Und noch einer zur Sicherheit.

Das Orange wirkt etwas unernst, aber dieses Nylonband bändigt jetzt unser Triebwerk.
Die ersten dreißig Kilometer schleichen wir wie Apachen. Jedes Geräusch, das von vorne kommt, treibt den Puls hoch. Der wunde Direktor fährt als wäre nichts gewesen.

An alle, die uns für verrückt nennen: Das ist verrückt!
Eintreffen bei der Sonderprüfung. Fast zwei Stunden zu früh. Statt wie andere auf der Straße herumzulungern, fahren wir fünf Minuten weiter in den Ort Facundo. 160 Einwohner. Wir haben Glück und bekommen den einzigen Tisch im einzigen Restaurant. Davor brauchen wir einige Zeit, um den hinter Bettlacken versteckten Eingang zu finden. Ein paar schlaue Kollegen sitzen schon drin. Hier lässt es sich aushalten. Bier aus der Literflasche, Rotwein aus dem Tetrapack. Schinken und Käse in Würfel. Eine Stunde vergeht auf diese Weise wie im Flug.

Das geht nur dann, wenn man sich in der Nacht davor anständig hergerichtet hat.

Wenn ich jetzt schaue, dann wundert es mich auch, warum wir
den Eingang zum Restaurant nicht gleich gefunden haben

Der einzige Tisch im einzigen Restaurant von Facundo. So viel Glück
muss einer erst haben.

Zumindest ist der Rote wirklich rot.
Wir starten zwei Minuten hinter dem weißen Cadillac. Er liegt einen Punkt vor uns. Die ersten drei Messlinien treffen wir auf den Millimeter, bei der letzten verlieren wir fünf Sekunden. Fast perfekt. Durchschnitt hätte auch gereicht, denn auch wir fahren heute als einzige in unserer Klasse. Andi und Robert lassen aus. Gestern zu sehr verausgabt. Die Schlatters fahren sowieso wieder durch ins Hotel. Wenn wir nicht noch mit einem Schaden hängen bleiben, wird es ein bombensicherer Punkt.


Unser Beitrag zur Völkerverständigung.

Unsere neuen besten Freunde. Reglos für zwei Dollar und ein Eis.

Und was passiert, wenn ich auf diesen Knopf drücke?
Kurz vor dem Testende überholen wir sogar den Cadillac. Er bleibt einfach mitten auf der Strecke stehen. Beim letzten Messpunkt muss ihn das mindestens drei Minuten gekostet haben.

Ankunft in Los Antiguos. Unser Hotel liegt direkt am Lago Buenos Aires, dem zweitgrößten See Südamerikas nach dem Titicacasee. Die Sonne scheint lau. Fast alle nehmen ein Bier im Garten. Louise geht sogar schwimmen. Sie ist Engländerin.
Schon lange keine ordentliche Gerade mehr gezeigt.
Mangels ausreichend Zimmer haben sich Andi und Robert auf eigene Faust ein Quartier organisiert. Wir besuchen sie auf ihrer Hotelterrasse mit Strandblick. Der Weiße von Luigi Bosca schmeckt auch hier. Und passt hervorragend zur kalten Platte. Viel passiert heute nicht mehr. Alle sind geschafft.

Und dann noch der Blick vom Hotelzimmer auf den Lago Buenos Aires.
 Zurück im Hotel erfahren wir, dass die Jury bezüglich der gestrigen Sitzung noch keine Entscheidung getroffen hat. Alles bleibt wie es ist. Gut für uns.

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