Montag, 11. März 2013

Heizen im Autodrom

Tag 17               Salta - Cafayate               190 km

Gestern Nacht gab es noch eine Programmänderung. Wieder einmal. Kaum ein Tag bisher, der so blieb wie er ausgeschrieben war. Statt einem feudalen Frühstück und einem 190-km-Hupfer nach Cafayate sitzen wir um 7.15 schon wieder im Wagen. Irgendwer dürfte gestern darüber gestolpert sein, dass Salta eine Rennstrecke hat. Jetzt werden wir in Gänsereihe dorthin eskortiert. Vier Polizisten auf Motorrädern blockieren für uns den Morgenverkehr mit Bravour. Ein Service, an den man sich gewöhnen kann.

Artig geht´s im bewachten Konvoi zum Gemetzel.
 
Vier Hirten der Polizei halten die Herde beisammen.
 
Es scheint als bräuchte Salta dringend eine Leberkäseria.
Das Autodromo de Salta hat bessere Zeiten gesehen. Die meisten von uns auch. Eine Harmonie des Gestrigen. Bald erfahren wir, was von uns verlangt wird. Roger Hunt, der Clerk of Course, hat Mühe die Ladefläche des Toyota-Pick-up zu erklimmen. Verschwitzt verkündet er die Regeln. Jeder drei einzelne Runden, zwei Stopps und Vollgas. Der Schnellste gewinnt. Das verstehen alle.
Großer Mann. Renndirektor Roger Hunt dirigiert den Rennfahrerchor von Salta.


Unser Direktor ist kein Sprinter. Ihm gefällt die Langstrecke. Wir erleichtern ihm die Aufgabe und laden unser gesamtes Gepäck samt Ersatzteilen aus. Er bleibt gewichtig. Bei dieser Beschleunigungsparty macht er gegen das leichte Coupé von Steve Hyde keinen Stich. Hans wuchtet unseren Senior um die engen Kurven nach dem Start. Das Chassis knarrt, die Reifen winseln. Der Fahrer flucht. Nach 2:23 Minuten stoppen wir vor Hernan, dem Zielmeister. Vor uns hat Hyde mit 2:17 angeschrieben. Der Rest ist langsamer. Alles wie erwartet.

Reg Toohey neigt zum Subtilen. Unten seht ihr wie er das auslebt.
 
Wir laden noch mehr aus. Wieder leiden die Reifen. Der Direktor dreht hoch, höher und klingt wie eine Nähmaschine. 2:19 Minuten. Ein Fortschritt. Hyde wiederholt seine Bestzeit. Wir liegen nun acht Sekunden hinter ihm. Und jetzt auch noch hinter dem Camaro von Reg Toohey. Er fährt zum Glück nicht unserer Klasse.

Die dritten Runden ändern nichts. Hyde ist neuerlich schneller. Wir sind klare Klassenzweite. Das heißt vorerst zwei Punkte. Sensationell fährt Robert im weißen Wilhelm. Mit voller Beladung nur sechs Sekunden hinter uns. Respekt. Unsere Hoffnung hängt rasch an der zweiten Prüfung kurz vor dem Ziel. Laut Roadbook soll sie viel Schotter bieten. Da wird der kleine Rote bald unseren Auspuff sehen.
Es heißt, das Gran Hotel Premier soll zuletzt etwas abgebaut haben.
So wie Argentinien insgesamt.
 
Pfeifen im Wald. Der Start der zweiten Tagesprüfung.
Eine Stunde warten wir vor der Zeitkontrolle. Andi hält Langeweile wie üblich von uns fern. Diesmal nicht mit Gags, sondern mit einem lachhaften Defekt. Wilhelms Lenkradschloss verkrampft und lässt sich mit nichts auf der Welt öffnen. Hektisches Fummeln, aber die beiden versäumen ihre Startzeit. Als wir zur Startlinie vor rollen, ist von einer Lösung weit und breit nichts zu sehen.  
Kein Tag ohne Straßen- und Landschaftsfoto.
Hans lässt wieder alle Rohre rauchen. Noch mehr als sonst. Es geht mit 120, 130 hoch in ein enges Tal, das Heck wogt hin und her. Kurven werden geschnitten als gehörten sie uns allein. Trotz Gegenverkehr und wenig Platz zum Ausweichen. Mir wird erstmals bang. Nach 47 km liegen wir um 10 Minuten vor unserem Soll, einem 75er-Schnitt. Den Puffer brauchen wir nicht. Unsere Hoffnungen werden enttäuscht. Der 65 km lange Test startet und endet auf Asphalt. Dazwischen liegen nur zwei, der Kilometer Schotter. Alle werden die Sollzeit schaffen.

Damit entscheiden die Ergebnisse des Vormittags. Hyde gewinnt, wir Zweite. Das gibt tatsächlich zwei Punkte. Es gibt auch die gute Nachricht: Bill Bolsover hat auf der Rennstrecke die Stevensons gebügelt. Sie bekommen erstmals auch zwei Punkte. Wir fallen nur wenig zurück.
Cafayate liegt wieder höher, auf 1.600 Metern. Es ist eine der aufstrebenden Weinregionen Argentiniens. Uns wundert das etwas. Noch kurz vor dem Ort herrscht die Wüste. Schaut nicht nach einem Paradies für Reben aus. Am Ortsanfang dann tatsächlich Wein. Alles im Lot. Nur die hiesige Tankstelle, auf die wir gebaut haben, enttäuscht uns. Kein Sprit. Wir erreichen unser Ziel mit sehr leerem Tank.

Hier soll Wein wachsen? Ein paar Minuten vor Cafayate regiert die Wüste.
 
Das Patios de Cafayate. Ein Weinhotel zum Hinlegen.
Quartier in einer eleganten Estancia. Altes Flair, moderne Technik, feine Weine. Der Nachmittag vergeht mit Torrontes, einem hier heimischen Weißwein. Ein Dutzend ernstzunehmender Weinkenner scheitert beim Versuch, sich über diese Essenz ein einhelliges Urteil zu bilden. Und für so einen Diskurs braucht es reichlich Proben.
Wer hat´s erfunden. Kein Schweizer ohne Schweizermesser.
Das Dinner beginnt heiter. Egal wie der Torrontes genau zu deuten ist, Alkohol hat er. Andi und Robert sind vor kurzem eingetroffen. Sie haben eineinhalb Stunden gewerkelt, um die bockige Lenksperre zu öffnen. Schließlich wurde sie von Jack Amies, dem jugendlichen Privatmechaniker von Martin Egli, entsorgt.

Während des Torrontes-Seminar ging das Gerücht um, wonach die örtliche Tankstelle schon seit drei Tagen auf Nachschub wartet. Und das werde sich bis morgen nicht ändern. Das sind düstere Aussichten für uns. Noch trauriger scheint der Zustand der argentinischen Wirtschaft zu sein. Ein Land, in dem der Sprit knapp wird, dem geht’s eindeutig schlecht. Wieder mal.
Kasteien in der Fastenzeit. Schon eine Idee, was zu Ostern hier alles am Grill liegen wird?
Die nächste Tankstelle sei angeblich 300 km in Fahrtrichtung und 200 km zurück Richtung Salta. Wir schaffen beides nicht, die Mehrheit der Teilnehmer auch nicht. Zum Glück gibt es schlechtere Plätze zum Stranden als hier. Wir tragen unser Schicksal wie Männer. Dann ein neues Gerücht: Die nächste Tankstelle sei nur 60 km in Richtung Villa Union entfernt. Aufatmen. Es wird noch besser. Angeblich soll heute noch Sprit ins Dorf kommen. Das Mahl kann beginnen.


Die lokale Folklorejugend verzückte uns beim Abendmahl.
Die Gäste hätten sie besser in Ruhe lassen sollen.

Natürlich gibt es Fleisch. Eine Parilla, eine dieser mannshohen Grillstellen, die mehr an Schmiedeöfen als an Essen erinnern, glüht in einem gemütlichen Innenhof. Dinner im Freien. So wie gestern kommt ein schwarzbraunes Fleischstück nach dem anderen, vom Schwein, vom Huhn, von der Kuh. Ich will gar nicht wissen, was wir da alles wegputzen. Der Rote aus dem Weingut des Hauses erleichtert uns die Last. Trinkmarmelade mit 14,5 %. Schwer und patzig. Nachdem jeder am Tisch eine Flasche bestellt und verzehrt hat, kommt der Arzt: Dr. Fernet. Hier stoppt die Chronik. Soweit bekannt, hat es tatsächlich noch jeder in sein Bett geschafft.

So schaut heute das Kopfweh von morgen aus.

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