Gestern Nacht gab es noch eine Programmänderung. Wieder
einmal. Kaum ein Tag bisher, der so blieb wie er ausgeschrieben war. Statt
einem feudalen Frühstück und einem 190-km-Hupfer nach Cafayate sitzen wir um
7.15 schon wieder im Wagen. Irgendwer dürfte gestern darüber gestolpert sein,
dass Salta eine Rennstrecke hat. Jetzt werden wir in Gänsereihe dorthin
eskortiert. Vier Polizisten auf Motorrädern blockieren für uns den Morgenverkehr
mit Bravour. Ein Service, an den man sich gewöhnen kann.
Artig geht´s im bewachten Konvoi zum Gemetzel.
Vier Hirten der Polizei halten die Herde beisammen.
Es scheint als bräuchte Salta dringend eine Leberkäseria.
Das Autodromo de Salta
hat bessere Zeiten gesehen. Die meisten von uns auch. Eine Harmonie des Gestrigen.
Bald erfahren wir, was von uns verlangt wird. Roger Hunt, der Clerk of Course,
hat Mühe die Ladefläche des Toyota-Pick-up zu erklimmen. Verschwitzt verkündet
er die Regeln. Jeder drei einzelne Runden, zwei Stopps und Vollgas. Der
Schnellste gewinnt. Das verstehen alle.
Großer Mann. Renndirektor Roger Hunt dirigiert den Rennfahrerchor von Salta.
Unser Direktor ist kein Sprinter. Ihm gefällt die
Langstrecke. Wir erleichtern ihm die Aufgabe und laden unser gesamtes Gepäck
samt Ersatzteilen aus. Er bleibt gewichtig. Bei dieser Beschleunigungsparty
macht er gegen das leichte Coupé von Steve Hyde keinen Stich. Hans wuchtet
unseren Senior um die engen Kurven nach dem Start. Das Chassis knarrt, die
Reifen winseln. Der Fahrer flucht. Nach 2:23 Minuten stoppen wir vor Hernan,
dem Zielmeister. Vor uns hat Hyde mit 2:17 angeschrieben. Der Rest ist
langsamer. Alles wie erwartet.
Reg Toohey neigt zum Subtilen. Unten seht ihr wie er das auslebt.
Wir laden noch mehr aus. Wieder leiden die Reifen. Der
Direktor dreht hoch, höher und klingt wie eine Nähmaschine. 2:19 Minuten. Ein
Fortschritt. Hyde wiederholt seine Bestzeit. Wir liegen nun acht Sekunden
hinter ihm. Und jetzt auch noch hinter dem Camaro von Reg Toohey. Er fährt zum
Glück nicht unserer Klasse.
Die dritten Runden ändern nichts. Hyde ist neuerlich
schneller. Wir sind klare Klassenzweite. Das heißt vorerst zwei Punkte. Sensationell
fährt Robert im weißen Wilhelm. Mit voller Beladung nur sechs Sekunden hinter uns.
Respekt. Unsere Hoffnung hängt rasch an der zweiten Prüfung kurz vor dem Ziel.
Laut Roadbook soll sie viel Schotter bieten. Da wird der kleine Rote bald
unseren Auspuff sehen.
Es heißt, das Gran Hotel Premier soll zuletzt etwas abgebaut haben.
So wie Argentinien insgesamt.
Pfeifen im Wald. Der Start der zweiten Tagesprüfung.
Eine Stunde warten wir vor der Zeitkontrolle. Andi hält
Langeweile wie üblich von uns fern. Diesmal nicht mit Gags, sondern mit einem lachhaften
Defekt. Wilhelms Lenkradschloss verkrampft und lässt sich mit nichts auf der
Welt öffnen. Hektisches Fummeln, aber die beiden versäumen ihre Startzeit. Als
wir zur Startlinie vor rollen, ist von einer Lösung weit und breit nichts zu
sehen.
Kein Tag ohne Straßen- und Landschaftsfoto.
Hans lässt wieder alle Rohre rauchen. Noch mehr als sonst. Es
geht mit 120, 130 hoch in ein enges Tal, das Heck wogt hin und her. Kurven
werden geschnitten als gehörten sie uns allein. Trotz Gegenverkehr und wenig
Platz zum Ausweichen. Mir wird erstmals bang. Nach 47 km liegen wir um 10
Minuten vor unserem Soll, einem 75er-Schnitt. Den Puffer brauchen wir nicht. Unsere
Hoffnungen werden enttäuscht. Der 65 km lange Test startet und endet auf
Asphalt. Dazwischen liegen nur zwei, der Kilometer Schotter. Alle werden die
Sollzeit schaffen.
Damit entscheiden die Ergebnisse des Vormittags. Hyde
gewinnt, wir Zweite. Das gibt tatsächlich zwei Punkte. Es gibt auch die gute
Nachricht: Bill Bolsover hat auf der Rennstrecke die Stevensons gebügelt. Sie
bekommen erstmals auch zwei Punkte. Wir fallen nur wenig zurück.
Cafayate liegt wieder höher, auf 1.600 Metern. Es ist eine der
aufstrebenden Weinregionen Argentiniens. Uns wundert das etwas. Noch kurz vor dem
Ort herrscht die Wüste. Schaut nicht nach einem Paradies für Reben aus. Am
Ortsanfang dann tatsächlich Wein. Alles im Lot. Nur die hiesige Tankstelle, auf
die wir gebaut haben, enttäuscht uns. Kein Sprit. Wir erreichen unser Ziel mit
sehr leerem Tank.
Hier soll Wein wachsen? Ein paar Minuten vor Cafayate regiert die Wüste.
Das Patios de Cafayate. Ein Weinhotel zum Hinlegen.
Quartier in einer eleganten Estancia. Altes Flair, moderne
Technik, feine Weine. Der Nachmittag vergeht mit Torrontes, einem hier heimischen
Weißwein. Ein Dutzend ernstzunehmender Weinkenner scheitert beim Versuch, sich
über diese Essenz ein einhelliges Urteil zu bilden. Und für so einen Diskurs
braucht es reichlich Proben.
Wer hat´s erfunden. Kein Schweizer ohne Schweizermesser.
Das Dinner beginnt heiter. Egal wie der Torrontes genau zu deuten
ist, Alkohol hat er. Andi und Robert sind vor kurzem eingetroffen. Sie haben
eineinhalb Stunden gewerkelt, um die bockige Lenksperre zu öffnen. Schließlich
wurde sie von Jack Amies, dem jugendlichen Privatmechaniker von Martin Egli, entsorgt.
Während des Torrontes-Seminar ging das Gerücht um, wonach
die örtliche Tankstelle schon seit drei Tagen auf Nachschub wartet. Und das werde
sich bis morgen nicht ändern. Das sind düstere Aussichten für uns. Noch
trauriger scheint der Zustand der argentinischen Wirtschaft zu sein. Ein Land,
in dem der Sprit knapp wird, dem geht’s eindeutig schlecht. Wieder mal.
Kasteien in der Fastenzeit. Schon eine Idee, was zu Ostern hier alles am Grill liegen wird?
Die nächste Tankstelle sei angeblich 300 km in Fahrtrichtung
und 200 km zurück Richtung Salta. Wir schaffen beides nicht, die Mehrheit der
Teilnehmer auch nicht. Zum Glück gibt es schlechtere Plätze zum Stranden als
hier. Wir tragen unser Schicksal wie Männer. Dann ein neues Gerücht: Die
nächste Tankstelle sei nur 60 km in Richtung Villa Union entfernt. Aufatmen. Es
wird noch besser. Angeblich soll heute noch Sprit ins Dorf kommen. Das Mahl
kann beginnen.
Die lokale Folklorejugend verzückte uns beim Abendmahl. Die Gäste hätten sie besser in Ruhe lassen sollen.
Natürlich gibt es Fleisch. Eine Parilla, eine dieser
mannshohen Grillstellen, die mehr an Schmiedeöfen als an Essen erinnern, glüht
in einem gemütlichen Innenhof. Dinner im Freien. So wie gestern kommt ein schwarzbraunes
Fleischstück nach dem anderen, vom Schwein, vom Huhn, von der Kuh. Ich will gar
nicht wissen, was wir da alles wegputzen. Der Rote aus dem Weingut des Hauses
erleichtert uns die Last. Trinkmarmelade mit 14,5 %. Schwer und patzig. Nachdem
jeder am Tisch eine Flasche bestellt und verzehrt hat, kommt der Arzt: Dr. Fernet. Hier stoppt die Chronik. Soweit bekannt, hat es
tatsächlich noch jeder in sein Bett geschafft.
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