Sonntag, 17. März 2013

Unser kleiner gelber Engel

Tag 22               Termas de Chillan - Pucon              547 km
 
Laut dem Diario de Chillan erleben wir gerade eine Kältewelle. Polarluft aus der Antarktis macht es viel zu kalt für diese Jahreszeit. Mit der Kurzen scheint es vorbei zu sein. Frühstück im Stehen und ab auf eine lange Etappe. 546 km nach Pucon, einem Ferienort im chilenischen Seengebiet. Die ersten Kurven bergab auf dem Schottergürtel holpern ein wenig. Aber dann ist es eh schon vorbei mit der Reise. Ein Sattelschlepper hat sich so beharrlich in eine Spitzkehre hineingefressen, dass er jetzt weder vor noch zurück kann. Nirgendwo ein Loch zum Durchschlüpfen. Wir sind eingesperrt. 
 
So stehen Sieger auf. Thumbs up, noch bevor das Frühstücksei am Tisch steht.
 
Blöder als die Polizei erlaubt. Wenn man sich vornimmt, die Straße zu sperren, gelingt einem das niemals so gründlich wie hier.

 
Mit jedem Befreiungsversuch dem Erdmittelpunkt näher.
Nach dem gestrigen Verkehrsstress heute das Gleiche in Blau. Große Ratslosigkeit. Der kleingewachsene Fahrer tut so, als würde ihn das nichts angehen. Schon wieder zerrinnen uns die Minuten zwischen den Fingern. Nachdem alle Versuche des Zwergs, sich selbst aus der Malaise zu befreien, scheitern, stellt er sich entspannt zu uns und schweigt. Die Frage „Wer macht jetzt was?“ ist berechtigt, bleibt aber unbeantwortet. Von der unteren Seite jenseits des Trucks strömen die Arbeiter hoch, die ab 8.00 die Hotels umbauen sollten. Mir scheint, sie leiden weniger als wir unter der Verzögerung.
Klein, patschert und schweigsam. Der Pilot des blauen Monsters (rechts) stellte
sich irgendwann neben uns und sagt nichts mehr.

Armdrücken mit Hydraulik. Das ist unser starker gelber Engel.
Endlich kommt der gelbe Kran. Niemand glaubt zunächst, dass er mit seinem kleinen Arbeitsarm den Riesenlaster aus dem Schlamassel ziehen kann. Zehn Minuten später glühen wir schon Richtung Chillan. Kaum hat sich der blaue Riese zwei Meter bewegt, haben wir uns durchgezwängt und sind abgedampft.
Praktisch für den Moment, aber ob´s fürs Pickerl reicht?

Und ich hab´ noch gesagt, wir müssen nach Rio links abbiegen.
Die ersten achtzig Kilometer sind die letzten von gestern. Zurück nach Chillan. Von dort geht’s geradewegs runter nach Süden. Im Gleitflug verarbeiten wir die guten Nachrichten vom Frühstück. Zunächst wurde bekannt, dass dem Protest einiger Teilnehmer, die gestern Früh im Stau gefangen waren, stattgegeben wurde. Die erste Zeitkontrolle wurde neutralisiert. Unser Verspätung damit auch. Und auf der folgenden Sonderprüfung haben offensichtlich alle anderen noch mehr Mist gebaut als wir. Jedenfalls waren wir gestern Tagessieger und haben unseren Vorsprung ausgebaut. Ich glaube, das ist noch eine Nachwirkung von Carlos, dem Welt-Missionar von der brasilianisch-bolivianischen Grenze.
Chillan an der Thaya.

The Boss Hoss South America Tour 2013
Wir verbringen den Tag zur Abwechslung mit Andi und Robert. Es geht vorbei an abgeernteten Feldern. Die Farbe der Blätter dreht schon ins Gelbe. Der Altweibersommer ist auch in Chile sexy.
Der Altweibersommer ist so sexy.
Bereits nach fünf Stunden der erste Test. Eine Aufwärmübung. Wir bleiben locker unter der Sollzeit. Die zweite Sonderprüfung folgt kurz darauf. Gut zwölf Kilometer auf Schotter mit 83 Schnitt. Je nach Untergrund und Wegverlauf kann das hart werden. Der grobe Boden sollte uns helfen. Das einzige Problem ist der Staub. Nach jedem Start bleibt eine blickdichte Wolke über der Strecke stehen.
Andi traut seinen Augen nicht. Mysteriöse Dinge passieren. Als nächstes landen Außerirdische.
Anfangs nervt sie nur den Starter, dann auch uns. Die ersten Kilometer fast blind. Hans, der Schotterprofi, lässt sich noch ein paar Reserven. In der zweiten Hälfte klart es auf, jetzt Angriff. Es kratzt, es rumpelt, es staubt, es geht sich nicht aus. Wir schlagen 44 Sekunden nach der Sollzeit von neun Minuten im Ziel auf. Der Lauf war in Ordnung. Kein grober Fehler, mit etwas mehr Risiko im ersten Teil wären vielleicht noch zwanzig Sekunden drin gewesen. Aber wer hier unter der Sollzeit bleibt, hat wenig Spaß am Leben.
Rowdies am Nachmittag. Nach achtzehn Starts am guten Weg zur Staublunge.
Steve Hyde blieb unter neun Minuten. Wir schöpften schon Verdacht, als im Ziel gar kein Staub mehr zu sehen war. Aber dass er uns auf dem kurzen Stück fast eine Minute gibt, hätten wir nie und nimmer erwartet. Wir waren uns zu sicher. Es sind schon Hausherren gestorben, heißt es daheim.
 
Pucon liegt an einem hübschen See. Wäre da nicht der angezuckerte Vulkan Villarrica, könnte man es als Pörtschach im September durchgehen. Empfang im Green Park Hotel. Ein Teil der Truppe besetzt sogleich die Terrasse und ist dort erst nach dem Genuss zahlreichen Flaschen Weißweins wieder wegzukriegen. Die Stimmung ist wenig überraschend heiter.
Heute schmeckt es offenbar allen. Hier fließt Whiskey, da Fernet, und sonst steht fast auf jedem Tisch eine Flasche vom Roten. Frank und Ross, die beiden knorrigen Australier, schnorren eine Zigarre. Morgen wird mir der erste gestehen, dass ich ihm diesen Wunsch das nächste Mal abschlagen soll. Denn immer, wenn ihm nach einer Zigarre ist, sei er zu betrunken, um diese auch zu genießen.
Nomen est omen. Stop-over im Green Park Hotel von Pucon.
Wir spritzen das Buffet im Hotel und essen im La Maga. Fodor sei Dank. Jedem, der je nach Pucon kommt, können wir diese Grillerei warm empfehlen. Das beste Tenderloin, wo gibt. Besser als im Ox, besser als in Argentinien.
 
Zurück im Hotel erfahren wir, dass die für morgen geplanten Sonderprüfungen abgesagt sind. Diesmal ist die Ursache origineller als sonst. Die beiden Rennleiter, sie firmieren mittlerweile als Humpty & Dumpty, hatten bei der Streckenbesichtigung einen Unfall. Niemand wurde verletzt. Aber weil sie sich ausgerechnet das Auto des Bürgermeisters von Pucon als Gegner ausgesucht haben, nahm sie die Polizei in Gewahrsam. Beim Alkotest sorgte dann Roger Hunts Glasauge kurzzeitig für Aufregung. Diese konnte aber durch einen Handgriff rasch aufgeklärt werden.
 

1 Kommentar: